Ein tragikomischer Roman, mit Edvard Munch und Heinrich Himmler, einem Türken namens Orhan und einer uralten Puppe, die darauf wartet wiedergefunden zu werden. Miriam, eine Schneiderin aus München folgt den Spuren ihres Familiengeheimnises, das bis zum Lebensborn im Nationalsozialismus reicht.
(bitte unbedingt auch hören, die Musik wurde extra von Shimuwei für den Trailer komponiert)
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Eine Leseprobe (Seite 52):
Enzym
Sie springt über Bord, weil auf alle geschossen wird. Sie weiß, dass sie nur überleben kann, wenn sie so tut, als ob sie auch schon tot ist. Etwas zieht sie nach unten ins Wasser. Aber es sind keine Fangarme einer Riesenkrake, es ist eine Kinderleiche. Sie taucht unter und sieht aufdem muschelbedeckten Grund einige Totenschädel.
Miriam erwacht, klammert sich an den Rest Schläfrigkeit, die wie ein seidenes Tuch langsam über sie hinweg gleitet und die Erinnerung an ein Gestern und Vorgestern zurückbringt. Der Gedanke an die Kreatur, die in ihr heranwächst, durchzuckt sie. Ein zartes kleines Gesicht. Lailatonka!
Sie steht auf, öffnet das Fenster. Der erste Frost in diesem Herbst hat die Bäume und den Garten weiß überzogen. Kälte schneidet ihr ins Gesicht. Sie hat Hunger, auf Schokolade oder irgendetwas anderes Essbares. Im Küchenschrank unzählige Schachteln Tee, Gurken im Glas, die noch frisch wirken. Ins Licht gehalten haben sie sich in der grauen Brühe fast aufgelöst. Mehl hat sich in Omas Plastikdosen in weiße Maden verwandelt. Der Supermarkt am Ortsanfang, auf dem Weg zum Bahnhof, hat vielleicht schon auf oder der Bäcker gleich nebenan. Sie will nicht ins Dorf und reden, doch sie muss den Laden aufsperren. Orhan, er weiß noch nicht, dass sie schwanger ist. Erst mal schaltet sie den Wasserkocher ein, sucht eine einfarbige Tasse zwischen Omas Sammelgeschirr. Omas Stimme schon wieder in ihrem Kopf.
„Immer nur Einzelteile habe ich, schöne zwar, und vor allem Raritäten, aber nie ein komplettes Service. Ich hab da ein preiswertes beim Kaufhof gesehen, das hole ich mir gleich morgen...“
Draußen sucht Miriam im schwachen Licht des Vorhäuschens halbgefrorene Gloster-Äpfel im Gras. Auf dem unbeschnittenen Baum wachsen sie klein wie Kirschen und sind nun im Laub schwer zu finden. Zwei Hände voll nimmt sie mit ins Haus, isst sie mit einem Biss. Es fühlt sich pelzig auf ihren Zähnen an, die Gloster schmecken wie herbes Apfeleis. Sie riecht an den Teebeuteln, hängt dann verschiedene in eine rote Tasse mit kochendem Wasser, einer wird schon färben. Ihre Hände kann sie wärmen, doch ihre neun Zehen sind kalt. Sie muss einheizen und saubermachen, wenn sie hier länger bleiben will. Im Schuppen ist noch genug Brennholz für den Küchenofen. Die oberen Scheite zerbröseln in Miriams Händen. Sie sucht nach dickeren Scheiten, zieht an einem Holzstück weiter unten. Das ganze Holz kommt ins Rollen und fällt in sich zusammen wie das Garnregal im Laden. Ob Orhan schon einen Aufriss für ein neues Regal gemacht hat? Wahrscheinlich hat er das Regal längst vergessen, will, dass sie angekrochen kommt, wie es sich für eine zukünftige Türkenfrau gehört. Warum ist sie so fies zu ihm? Er sorgte sich wirklich um sie und wollte sie sogar besuchen. Gestern, nein, vorgestern Abend. Mit beiden Händen füllt sie einen Korb mit Holzbröseln, wenigstens wird es gleich brennen. Ihre Finger treffen auf etwas Hartes: Die Blechkiste ihrer Mutter, die rote Farbe ist von Rost durchdrungen. Hat Oma deshalb in ihren letzten Lebensjahren an Brennholz gespart? Oma war in ihrer Heizdecke und dem elektrischen Fußwärmer warm eingepackt, nur die Besucher bekamen kalte Nasen. Miriam stellt die Dose oben auf den Korb, sie ist merkwürdig leicht und macht beim Schütteln kein Geräusch. In der Küche hebt sie die Eisenringe des alten Wamslerherdes ab, legt Papier und Holzbrösel in die Schür, zündet sie an und öffnet das Schürtürchen etwas. Es qualmt und knistert, aber es brennt. Die Blechdose stellt sie auf den Küchentisch wie ein Geschenk. Was ist darin, dass es Oma damals die Luft nahm? Sie denkt an ihren Vater, der ein Geschenk niemals gleich aufmacht, an Weihnachten dasitzt, mit dem Eingewickelten auf seinem Schoß, als wäre es eine bissige Katze.
Sie holt Orhans Papiertüte aus ihrer Tasche. Echte Kamille ist darin, mit Hobelspänen zusammengebunden. Im Sommer hat er Kamille, Schafgarbe und Salbei mit ihr bei einem Spaziergang gesammelt. Und ein anderes Mal suchte er Spitzwegerich für sie und legte es auf die Blase, die sie in ihrem neuen Stützschuh bekommen hat. Miriam riecht an den getrockneten weiß-gelben Blüten. Kamillenduft und Orhans Geruch nach Schreinerstaub und seiner Haut. Soll sie ihm sagen: Erstens: Ich bin schwanger. Zweitens: Ich will das Kind nicht. Drittens: Ich hatte schon einen Termin in der Abtreibungspraxis, morgen gibt es vielleicht das Kind in mir nicht mehr, also viertens: Warum davon reden?
In eine Decke gehüllt blättert sie in Omas Medizinbüchern vom Küchenbord, viele Seiten haben Anmerkungen und Ausrufezeichen. Oma starb an keiner Krankheit, wenn man davon absieht, dass sie ein Leben lang krank gewesen ist. Jedes Kleinkind aus der Nachbarschaft steckte sie mit einer schweren Grippe an, und während ganze Indianerstämme durch diese Grippe ausgerottet wurden, hatte Oma am nächsten Tag die Symptome vergessen, weil ihr inzwischen die Schulter vom Fensterputzen wehtat. Der neue, junge, „atrive“ Sportarzt versicherte ihr, dass die Schulter nicht ausgerenkt war, doch sie verließ die Praxis erst, als er ihr eine Spritze gab und eine tägliche Kur veranlasste, die Oma auch sicherlich durchgezogen hätte, hätte sie nicht zwei Tage später diesen schlimmen Ausschlag bekommen.
„Sicher von den schlechten Spritzen, was weiß ich, was der da hineintut, nur damit er kassieren und seine neue Praxis und den Sportwagen abzahlen kann, und ich habe den bleibenden Schaden.“ Die Salbe, der daraufhin konsultierten Hautärztin war auch nicht befriedigend, vor allem, weil sich diese Person anmaßte, Oma vorzuschreiben, wie sie sich zukünftig ernähren sollte. Eine Woche sollte Maria Buch führen, was sie zu sich nahm. „Am Ende behauptet sie noch, ich sei zu dick. Den Männern meiner Zeit hat es gefallen, dass man zwischen meinen Beinen nicht durchpfeifen kann.“ Dabei verging kein Tag, an dem Oma nicht auf eine Diät schwor, die sie bis zur nächsten Mahlzeit auch durchhielt. „Aber es wird nicht weniger, das muss an den Tabletten liegen.“
Einmal entdeckte sie in einem ihrer Medizinbücher ein Enzym, das ihr fehlte. „Das müssen die damals mit herausgenommen haben, als sie mir den Darm gekürzt haben, diese Schweine.“ Oft hatte sie Miriam ihre ei-großen Geschwüre beschrieben, die ihr herausgeschnitten wurden. „Da am Ausgang, du weißt schon wo. Das waren Schmerzen, ich sage dir, ach, was verstehst du schon davon.“
Der Sportarzt fand sie dann auch, unter ihrer rosa Steppdecke, die Fernbedienung in der Hand. In den Nachrichten liefen die Bilder von Lady Dianas tödlichem Unfall. Maria, die Königin der Puppen, starb im selben Moment wie die Königin der Herzen. Mit fünfundvierzig das erste Kind, immer jammernd, aber dann mit siebenundneunzig einfach so eingeschlafen, für immer. Das linke geschlossen, starrte sie mit dem rechten Auge auf den Bildschirm.
Die Totenglocke in der kleinen Steinhöringer Kirche läutete zur selben Zeit wie die Glocken in Westminster Abbey. Die Straßen waren menschenleer, die Geschäfte geschlossen. Die Welt schrie und weinte. Die Sonne verschaffte sich die beste Sicht und strahlte vom wolkenlosen Himmel herab. Maria durfte in ihrem Lieblingskleid beerdigt werden. Miriam hatte noch kurz vorher ein paar Keile aus den Schlafzimmervorhängen eingesetzt. Die Gesteckblumen auf dem Sarg waren auch rosa und grün wie das Kleid.
Die Sargträger wollten schnell heim vor den Fernseher. Sie schritten nicht gemächlich, sondern liefen von der St. Gallus-Kirche zum Familiengrab Ringhofer. Sie wollten den Sarg schnell hinunterlassen, doch er verkantete sich. Das Erdloch war zu klein bemessen für die Puppenmacherin. Der Pfarrer sah auf die Uhr. In diesem Moment verneigte sich die Queen. Maria im Eichensarg hing zwischen Himmel und Erde. Miriam, Frau Fleischer, die Nachbarin und Miriams Vater lauschten während des Pfarrers Worte, ob der Sarg oder die Grabwände nicht nachgaben und Maria doch noch nach unten rutschte. Doch erst als sie die Schäufelchen Erde warfen, fing der Sarg an zu wippen, verharrte aber dann wieder, leicht schräg. Marias rechtes Auge musste an die Sargwand gekullert sein.
Später saßen sie im Steinhöringer Haus vor dem Fernseher wie der Rest der Welt. Eine endlos weiße Orchideenparade, Menschenmassen, Politiker und ganze Nationen trauerten mit ihnen. Am nächsten Tag summte der Totengräber noch „Candle in the Wind“, wie es Elton John für Lady Di gesungen hatte. Mit seinem Raupenbagger schürfte er das Loch größer und ließ Maria endgültig hinabfahren.
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Für weitere Informationen klicken Sie bitte in der Leiste links die verschiedenen Namen an: Tonka, Maria, Steinhöring...